Der italienische Regisseur Federico Fellini beschrieb das georgische Kino so:  „Das georgische Kino ist ein sonderbares Phänomen, speziell, philosophisch leicht, kultiviert und zur selben Zeit kindlich rein und unschuldig. Es hat alles das was mich zum weinen bringt und ich sollte erwähnen das mein weinen keine einfache Sache ist“.

Federico Fellini 

1896  Die erste öffentliche Filmvorführung fand am 16 November in Tiflis statt. An dem Tag wurden die Kurzfilme der Brüder Lumière gezeigt. Kurz danach wurden mehrere Kinos  auch in der Region von Georgien eröffnet. 

1908-1910  Die ersten Filme, „Bewegte Bilder“ bzw. „lebende Fotografie“, wie das neue Medium damals häufig bezeichnet wurde, stammen aus alltäglichem Leben und dauerten meist nur einige Sekunden. 

Filmausschnitt "REISE VON AKAKI ZERETELI IN RATSCHA-LETSCHCHUMI "
Filmausschnitt "REISE VON AKAKI ZERETELI IN RATSCHA-LETSCHCHUMI "

1912  Der Kameramann Wasil Amaschukeli stellte den ersten erzählenden Dokumentarfilm REISE VON AKAKI ZERETELI IN RATSCHA-LETSCHCHUMI  in Georgien her. Es handelte sich um den 72. Geburtstag des Schriftstellers Akaki Zereteli und zeigte dessen Reise durch Westgeorgien. 


1916 Der erste georgische Spielfilm CHRISTINE kam in die Kinos. Der Film wurde von Alexandre Zuzunawa  zusammen mit Germane Gogitidze  gedreht. Es war eine Literaturverfilmung nach dem gleichnamigen Roman von Egnate Ninoshvili

1918 wurde eine unabhängige Republik gegründet, die jedoch bereits drei Jahre später von der Sowjetunion annektiert wurde.  Ab dieser Zeit machte sich die politische Ideologie der Sowjetunion  in der Georgischen Filmindustrie bemerkbar.  

1925 Es folgten weitere Arbeiten von  Alexandre Zuzunawa   WER IST DER SCHULDIGE 1925,  KHANUMA 1926,  ZWEI JÄGER 1927,  DER AUFSTAND IN GURIEN 1928,

1928 Der Stummfilm ELISO (Regie: Nikolos Schen­ge­laja) erzählt eine Episode aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, als das Volk der Tschetschenen aus dem zaristischen Rußland in die Türkei zwangsumgesiedelt werden sollte. In Werdi, einem friedlichen tschetschenischen Dorf, gelingt es russischen Kosaken, die das Dorf  übernehmen wollen, die Einwohner durch Vorspiegelung falscher Tatsachen zum Weggehen zu bewegen. Elisso, die Tochter des Dorfältesten, steckt ihr Dorf Werdi in Brand, das nun niemandem mehr gehört. Es ist eine Literaturverfilmung nach dem gleichnamigen Roman von Alexander Kazbegi

1928 drehte Micheil Tschiaureli seinen ersten Film DIE LETZTE STUNDE, einen Spielfilm über den russischen Bürgerkrieg und noch im gleichen Jahr DER ERSTE LEUTNANT. Seine frühen Filme propagierten die sowjetische Ideologie durch satirische Vergleiche mit traditionellen georgischen Auffassungen.  1938 begann er eine Reihe monumentaler Filme zu drehen. In allen Streifen spielte Stalin die Hauptrolle, dargestellt von dem georgischen Schauspieler Micheil Gelowani. Sie gelten als Höhepunkte des filmischen Personenkults um Stalin.  DER GROßE FUNKE (1938)  beschreibt die Oktoberrevolution als Werk von Lenin und Stalin. IM SCHWUR (1946) stirbt Lenin und Stalin tritt seine Nachfolge an, verkündet den Genossen die revolutionäre Botschaft und zeigt einfachen  Menschen wie man einen Traktor repariert.  In Film DER FALL VON BERLIN(1950) wurde Stalin als persönlich verantwortlich für den Sieg im Krieg dargestellt.  Er wurde fünfmal mit dem Staatspreis der UdSSR ausgezeichnet (1941, 1943, 1946, 1947, 1950). Der Leninorden wurde ihm dreimal verliehen. Außerdem erhielt er zwei weitere sowjetische Orden und verschiedene Medaillen.  

1929  MEINE GROßMUTTER war der erste Georgische Film der  wegen seiner regimekritischen Aussagen bis 1961 verboten war. Eine absolut außergewöhnliche, surrealistisch angehauchte Stummfilm-Satire die sich auf die Bürokratie der Sowjetunion der 20er Jahre  bezieht. 

Regie: Konstantin Mikaberidze

Szenenbild: Irakli Gamrekeli, Vladimir Sidamon-Eristavi 

Filmausschnitte  "MEINE GROßMUTTER"
Filmausschnitte "MEINE GROßMUTTER"

1930 Mikhail Kalatozov (Kalatozishvili) Cutter und Kameramann, begann seine Regietätigkeit mit dem Dokumentarfilmen. 

Der Film »Jim Shvante  | » Salz für Swanetien«  ist berühmt für seine schönen Bilder und den sensiblen Blick auf das harte Leben in einem abgelegenen kaukasischen Dorf. Die sowjetischen Behörden warfen ihm jedoch vor, im Widerspruch zur Staatsideologie zu stehen. Der dritte Spielfilm » Der Nagel im Stiefel « 1931 wurde mit der gleichen Begründung verboten. Kalatosov durfte acht Jahre lang keine Filme mehr drehen und musste sich auf Verwaltungsaufgaben in der georgischen Filmindustrie beschränken. 1939 wurde er Hauptverwalter der sowjetischen Spielfilmproduktion. In dieser Funktion arbeitete er für eine kurze Zeit als sowjetischer Kulturrepräsentant in Los Angeles. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Stellvertretender Minister für Filmproduktion und nahm 1950 wieder seine Regie-Karriere auf.

Sein Film » Die Kraniche ziehen « 1957  basiert auf Viktor Rosows Drama » Die ewig Lebenden « 1943. Der Film erzählt  von einer Liebe zweier junger Menschen, Boris (Alexei Batalow) und Weronika (Tatjana Samoilowa) in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. 1958 gewann der Film die Goldene Palme beim Film-Festival Cannes. Gelobt wurden der expressive Stil, die entfesselten Kamerafahrten, die Kühnheit der Montage und die sorgfältige Bildkomposition. "Hundert Jahre habe ich nichts Ähnliches gesehen!" lobte Pablo Picasso, nachdem er 1958 an der Croisette » Wenn die Kraniche ziehen «, angeschaut hatte.*   

Der in spanischer Sprache und mit kubanischen Schauspielern und Mitarbeitern gedrehte Streifen » Ich bin Kuba «  1964, eine surreale Hymne auf die kubanische Revolution, den die Sowjetunion 30 Jahre lang ins Archiv verbannte, erhielt 2004 in Cannes eine Mention Découverte, eine Belobigung als Entdeckung des Jahres. 

 Er wurde in den 1990er Jahren von Francis Ford Coppola und Martin Scorsese auf den internationalen Markt gebracht. 1969 drehte er Das rote Zelt, eine sowjetisch-italienische Koproduktion mit Sean Connery und Claudia Cardinale in den Hauptrollen.*  


In den 30er Jahren wurden interessante Filme im komödiantischem Genre geschaffen: Jujunas Aussteuer (1934; ჟუჟუნას მზითევი Siko Palavandischvili) und Auf baldiges Wiedersehen  “ნახვამდის” (1934; G. Makarow),  sowie romantisch-abenteuerliche Werke von dem Regisseur Siko Dolidze : Die letzte Crusaders “უკანასკნელი ჯვაროსნები” (1934) und  Dariko  (დარიკო” 1936). Ein bedeutsames bildnerisches Ereignis fand statt  mit David Rondelis komödie  Das Verlorene Paradies “დაკარგული სამოთხე” (1937), dessen Erfolg wurde sehr durch David Kakabadzes und Christesia Lebanidze filmkünstlerisch innovatives Arrangement verstärkt. 

Ab den 40er jahren fing die  schöpferische Aktivität der Regisseure: Konstantin Papinashvili, Shota Managadze, Nikoloz Sanishvili an.

1948 KETO UND KOTE (Regie: Vakhtang Tabliashvili, Shalva Gedevanishvili)  ist ein komödiantisches Musical über das georgische Stadtleben im 19. Jahrhundert. Das georgische Publikum ist bis heute begeistert.  Der Film gilt als erster Musikfilm des georgischen Kinos. 

Die Hauptpersonen werden von Medea Japaridze, Batu Kvateisvili und Petre Amiranasvili gespielt. (Georgisches national ballet)

Im Zuge der Entstalinisierung während der 1950er Jahre überraschte Georgien durch neue kritische Filme. MAGDANAS ESEL von Tengis Abuladse und Rezo Ckheidze schilderte als erster die fortbestehende Armut im Sozialismus. 1956 wurde der Film in Cannes ausgezeichnet. In Georgien sorgte der Film für eine ethische Revolution.  Weil die sowjetische Filmzensur unverändert präsent war, suchten sie nach Parabeln, Mythen und Epen, um Gleichnisse zur Gegenwart zu erzählen. Auf der Grundlage der georgischen Literatur, Kunst und Musik entwickelten sie eine neue Bildsprache.

1953 Filme von Tengiz Abuladze 

Tengiz Abuladze studierte von 1943 bis 1946 Theaterregie am Schota Rustaweli Theaterinstitut in Tiflis. 1952 schloss er ein Regiestudium am Moskauer Filminstitut (WGIK) ab, wo er auch seine erste Dokumentarfilm Dimitri Arakishvili produzierte.  1953 begann er als Dokumentarfilmer bei den georgischen Filmstudios Grusia-Film mit dem Dokumentafilm Unser Palast (georgisch Chveni sasakhle), Grusia-Film   1954 Das Georgische Nationalbalett (ქარტული ცეკვის სახელმწიფო ანსამბლი Grusia-Film) zusammen mit Rezo Ckheidze. 1956  Magdanas Esel gilt als das Meisterwerk zweier bekannter georgischer Regisseure, Rezo Ckheidze und Tengiz Abuladze. Kameramann Alexander Digmoveli. 

Filmausschnitte "Magdanas Esel"
Filmausschnitte "Magdanas Esel"

Der Film erzählt die Geschichte einer georgischen Familie, die versucht mit einem Esel wirtschaftlich über die Runden zu kommen.  Nach gleichnamiger Erzählung von Ekaterine Gabashvili 


1958 Stiefkinder (georgisch სხვისი შვილები)  1963 ich, Großmutter Iliko und Ilarion (მე ბებია, ილიკო და ილარიონი),eine Literaturverfilmung nach dem gleichnamigen Roman von Nodar Dumbadze. In den Hauptrollen Alexander Kazbegimit, Catherine Verulashvili, Grigol Tkabladze, Cecilia Takaishvili, Alexander Zhorzholiani.  1965 Swanetische Skizzen (georgisch სვანურ თუშური ჩანახატები), 1965 Dokumentarfilm 

1968 Gebet, Grusia-Film, beschreibt in majestätisch strengen, monolithisch stillen Schwarz-Weiß-Bildern den tödlichen Mechanismus von Hass und Rachsucht. Ein Christ tötet einen Moslem und wird, weil er ihn nicht nach altem Brauch verstümmelt, ausgestoßen und schließlich von anderen Moslems bestraft.  1971 Halskette für meine Liebste   1972 The Open-Air Museum, Fernsehfilm    


1977 Der Baum der Wünsche   Ein Literaturverfilmung von der Zerstörung georgischer Traditionen in Zeiten politischer Umbrüche. Nach Erzählungen von Georgi Leonidse; Kamera: Lomer Achwedliani; mit Lika Kawtaradse, Sofiko Tschiaureli, Kachi Kavsadze        


1984 Film Reue rechnete allegorisch aber kompromisslos mit dem Stalinismus ab. Der Regisseur nannte ihn die „erste Schwalbe der Perestroika“. Er handelt vom verstorbenen Diktator Warlam, der von einer Frau ausgegraben wird. Im Gerichtshof scheint es so, dass die Frau Warlams vergangene Verbrechen beleuchten will. Warlam sieht in der Rückblende aus wie Stalins Staatssicherheitschef Lawrenti Beria, trägt einen Hitlerbart und ein faschistisches Schwarzhemd. Der Film war bis 1986 in der Sowjetunion verboten. Auf Betreiben des damaligen georgischen KP-Chefs Eduard Schewardnadse konnte er schließlich aufgeführt werden und trieb die Veränderungen in der Sowjetunion voran.

In vielen sozialistischen Ländern blieb der Film verboten. Nach der deutschen Erstaufführung im ZDF im Oktober 1987 startete die DDR eine Pressekampagne gegen den Film, die mit einem Verriss durch Hans-Dieter Schütt am 28. Oktober 1987 begann.    

1987 gewann Film Reue den wichtigsten Filmpreis der Sowjetunion, den Nika, den Großen Preis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1987 und wurde als bester ausländischer Film für den Oscar nominiert. Insgesamt wurde der Film mit zehn Preisen ausgezeichnet.      

    Szenen aus dem Film "die Reue"
Szenen aus dem Film "die Reue"

In den Studios der Grusia-Film (georgisch Kartuli Filmi) entstanden in den 1960er und 1970er Jahren mit internationalen Preisen geehrte Meisterwerke. Es waren zumeist verspielte Komödien und böse Satiren. Sie ignorierte die traditionelle Erzähltechnik, zeigten dafür kräftige poetische Bilder, eine große Vielfalt und dramatische Übersteigerungen bis hin zur surrealen Groteske.

 

Der in Tiflissi geborene, aus armenischer Familie stammende Sergei Paradschanov  war einer der originellsten und gefeiertsten Regisseure des 20. Jahrhunderts. 1942 schloss er die Oberschule ab und begann ein Studium an der Hochschule für Eisenbahnwesen. Er verließ die Universität, um Musik und Tanz zu studieren. 1945 schrieb er sich amStaatlichen Filminstitut (WGIK) in Moskau ein, wenig später  wechselte er  nach Kiew, wo 1952 sein erster Kurzfilm, Moldowskaja skaska, und 1955 sein erster Spielfilm Andriesch entstanden.

 

Der Film Schatten vergessener Ahnen (1964;  მივიწყებულ წინაპართა აჩრდილები) schilderte eine tragische Liebesgeschichte unter Bergbauern, die von Folklore und Religion bestimmt wird. Seine visuelle Intensität erregte internationales Aufsehen. 1965 wurde der Film mit dem Großen Preis des Festival Internacional de Cine de Mar del Plata, des Filmfestivals Rom und dem Preis der British Academy of Film and Television Arts ausgezeichnet.

Bei den sowjetischen Zensoren geriet Paradschanow mit dem Film im Misskredit. Sein Filmprojekt Kiewer Freskos wurde abgebrochen, das Filmmaterial ins Archiv verbannt. 1966 verlegte er seinen Wohnsitz nach Jerewan, produzierte dort einen Dokumentarfilm. 1969 stellte er einen surrealen Spielfilm über den armenischen Troubadour Sayat Nova fertig. Das Werk durfte nicht den vom Regisseur gewählten Namen tragen, musste in Zwet granata („Die Farbe des Granatapfels“) geändert werden. Der Regisseur Sergei Jutkewitsch wurde beauftragt, eine ideologisch geglättete russische Sprachversion herzustellen. Trotzdem kam der Film nicht in die Kinos und konnte erst 1984 uraufgeführt werden. Paradschanow reichte in den Behörden in der Folgezeit vier weitere Filmskripte ein. Alle wurden von der Zensur abgelehnt. Am 17. Dezember 1973 wurde er in Kiew verhaftet und 1974 wegen angeblicher Propagierung von Homosexualität zu fünf Jahren schwerer Lagerhaft im GULAG verurteilt.


Die Verurteilung führte zu internationalen Protesten von Künstlern, Schriftstellern und Regisseuren wie Federico Fellini, Roberto Rossellini und Michelangelo Antonioni. Der französische Dichter Louis Aragon wurde persönlich bei KP-Chef Leonid Breschnew vorstellig. Im GULAG schuf Paradschanow Collagen und Zeichnungen. Nach vier Jahren wurde er aus der Strafhaft entlassen. Das Arbeitsverbot blieb bis 1984 in Kraft.

Pardaschanow zog nach Tiflis. 1982 wurde er dort wegen angeblicher Beamtenbestechung erneut verhaftet, verbrachte fast ein Jahr in einem georgischen Gefängnis. 1984 wurde das Arbeitsverbot auf Betreiben der georgischen Nomenklatura aufgehoben und Paradschanow durfte wieder Filme drehen. Im gleichen Jahr entstand Ambawi Suramis zichitsa. 1985 folgte ein Dokumentarfilm über den georgischen Maler Niko Pirosmani. In Tiflis wurde die erste Ausstellung seiner bildenden Kunstwerke eröffnet.

Sein letzter Film, Aschugi Qaribi, (Aşık Kerib, „Kerib, der Spielmann“) entstand 1988 in Aserbaidschan nach einer Romanvorlage von Michail Lermontow. Er wurde mit dem Europäischen Filmpreis für die beste Ausstattung ausgezeichnet. Ein autobiografischer Film unter dem Titel The Confession konnte nicht mehr fertiggestellt werden. Das Filmmaterial wurde später Bestandteil einer Dokumentation über das Leben des Filmregisseurs, die den Preis der Russischen Filmakademie gewann. Paradschanow starb an Krebs.

Seit 2005 wird auf dem Filmfestival „Goldene Aprikose“ in Jerewan ein nach ihm benannter Preis für das Lebenswerk an international renommierte Regisseure vergeben.

 

AMBAWI SURAMIS TSICHISA (Die Legende der Festung Surami, Sergej Paradjanov, Dodo Abashidze, Georgien 1985) Fantastische Bilderwelten eröffnen sich dem Betrachter in den streng kadrierten, dabei überaus prunkvoll gestalteten Tableaus, mit denen der armenische Regisseur eine archaische georgische Legende erzählt: Um persische Überfälle abzuwehren, versuchen die Bewohner einer entlegenen Bergregion eine Festung zu errichten. Einer Prophezeiung zufolge kann der Bau erst dann erfolgreich abgeschlossen werden, wenn ein junger Krieger sich lebend einmauern lässt. Der gerade zum Islam konvertierte Surab ist zu diesem Opfer bereit. Paradjanovs vorletzter Film entstand nach 15-jährigem Berufsverbot und langer Gefängnisstrafe. Der überreiche Bilderreigen wird von

unzähligen Stoffbahnen, Teppichen, Tieren und Kunstobjekten bevölkert, in deren Mittelpunkt Paradjanov die Figuren seines Films agieren lässt. In ihren prächtigen Uniformen, kunstvoll verzierten Kleidern und spielerisch-überdrehten Kostümen verschmelzen (kunst)geschichtliche Einflüsse, Legende und Fantasie.


In den folgenden Jahren trat die Kritik an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen scharf und naturalistisch in den Vordergrund. Die Regisseure waren neben Abuladse, Eldar und Giorgi Schengelaja, Otar Iosseliani, Lana Gogoberidse, Michail Kobachidse, Nana Dschordschadse und Dito Tsintsadze.

1961 Kurzfilme von Michail Kobachidse 

Michail Kobachidse, geboren 1939 in der georgischen Hauptstadt Tiflis, studierte von 1959 bis 1965 an der Moskauer Filmhochschule, u. a. bei Sergei Gerassimow und Tamara Makarowa. Zwischen 1961 und 1969 realisierte Kobachidse fünf Kurzfilme, allesamt ohne Dialog, nur mit Musik und Geräuschen unterlegt. Das letzte dieser Werke (»Musikanten«) war ursprünglich (unter dem Titel »Krieg und Frieden«) als Episode seines ersten Langfilmprojektes »Hoppla!« geplant. Doch nachdem die sowjetische Zensur seiner Arbeit Formalismus und die völlige Abwesenheit sozialistischer Ideologie attestiert hatte (bereits sein Film »Achteinhalb« war 1963 aus nämlichen Gründen verboten und vernichtet worden), durfte der Regisseur keine weiteren Filme mehr in seiner Heimat drehen. Kobachidse verlegte sich in der Folgezeit auf das Schreiben von Animationsfilmen und mußte immer wieder Gelegenheitsjobs annehmen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. 1996 wurde eine Retrospektive seines Gesamtwerks auf den Filmfestspielen von Venedig gezeigt.  

Kobachidse zog nach Paris und begann wieder zu arbeiten. "Ich fühle mich nach wie vor als Georgier", sagt er in ziemlich gutem Französisch. "Aber es gibt in Georgien zur Zeit keine ökonomische Basis, um Filme zu drehen. Natürlich könnte ich mir vorstellen, in mein Land zurückzugehen. Doch einstweilen nutze ich meine Chance in Frankreich. Mal sehen, was draus wird. Und ob ich noch etwas zuwege bringe, schließlich war ich 30 Jahre nicht im Beruf", erklärt er. Man spürt, wie sehr ihn das Leben mit dem Arbeitsverbot verletzt hat.

Auch die Filme, die heute im Exil entstehen, sind ohne Dialoge. Aber ein Stummfilmregisseur sei er deswegen noch lange nicht, so Kobachidse. Seine Figuren hätten weder die Mimik noch die Bewegungen der Stummfilmhelden. Und sie seien Menschen unserer Tage. Die Kinokunst setze zu sehr auf das Wort, sie müsse sich auf ihre eigene Sprache besinnen, das Visuelle.

1961 | »Molodaja ljubow« (»Junge Liebe«)  1962 | »Karuseli« (»Das Karussell«) 

1964 | ქორწილი  (»Die Hochzeit«) Eine Etüde über Wunsch und Wirklichkeit. Ein junger Mann sieht im Bus eine junge Frau. Er flirtet sie an, sie lächelt zurück, er fühlt sich ermutigt. Der junge Mann steckt sich seine Zukunft mit der jungen Frau vor, plant die Beziehung. Doch die Realität kommt der Vision in die Quere.


Kobachidses Filme  sind Variationen über die Liebe - erinnern an Träume und stecken voller Symbole. DER REGENSCHIRM 1967. Da ist ein Schirm, der sich nicht halten lässt, der wegfliegt. Was er bedeutet - ein Tag, eine Versuchung, ein Leben - kann jeder für sich entscheiden. In dem unlängst fertig gestellten Film "Auf dem Weg" weht der Sturm einem Menschen alles weg bis auf die Unterhose. "Da erst merkt er, dass er frei geworden ist", sagt Kobachidse 


"Alles was du gibst, gehört dir, alles was du nicht gibst, ist verloren", lautet ein georgisches Sprichwort. "Alles, was in meinen Filmen geschieht, dreht sich um die Schwäche des Menschen für den Besitz", der dazu beiträgt, "die wahren Werte wie Gefühle zum Verschwinden zu bringen", beschreibt Otar Iosseliani sein Werk. Und man könnte hinzufügen: Alle Filme Iosselianis handeln vom Verschwinden von Kultur und Sinnlichkeit, Uneigennützigkeit und Solidarität. Es sind poetische Tragikomödien, gekennzeichnet durch feinen Humor, leise Wehmut, reduzierte Dialoge und eine fließende Bildsprache.

Otar Iosseliani, 1934 in der georgischen Hauptstadt Tiflis geboren, studierte zunächst Musik und Mathematik, ehe er ab 1955 Regiekurse bei Alexander Dowshenko an der Moskauer Filmhochschule WGIK besuchte.

Sein Abschlussfilm APRILI (1962), der sich kritisch mit dem Besitzstreben des Kleinbürgertums auseinandersetzt, wurde in der Sowjetunion verboten. Der Film zeigt eine starke Nähe zum Kino von Jacques Tati und bereits ausgeprägte Eigenschaften, die für das Werk Iosselianis charakteristisch werden sollten. APRILI ist – wie zahlreiche folgende Arbeiten – ein Film weitgehend ohne Dialog und Kommentar. Nach Iosselianis Überzeugung dürfen Worte in einem Film nicht bestimmend sein und keine wichtigen Informationen tragen. In seinen Arbeiten spielt sich das Wesentliche in Blicken, Mimik und Körperhaltung ab, Worte stehen als gleichberechtigtes Element der Tonspur neben der Musik und den Geräuschen. Nach dem Verbot von APRILI arbeitete Iosseliani zwei Jahre lang als Fischer, Matrose und Metallgießer; Erfahrungen, die sich in dem Kurzfilm TUDZHI(Gusseisen) widerspiegeln. Der erste abendfüllende Spielfilm führt ein Leitmotiv von Iosselianis Werk im Titel: GIORGOBISTVE / LISTOPAD (Die Weinernte, 1966) handelt von einem jungen Idealisten, der zu verhindern versucht, dass man schlechten Wein abfüllt. Für Otar Iosseliani erfüllt Wein keine gastronomische, sondern eine spirituelle Funktion. "Deswegen ist das Weintrinken in meinen Filmen auch so wichtig. Es bringt Menschen zusammen, es hilft ihnen, etwas Neues zu entdecken – vielleicht auch das Glück." Die beiden folgenden, in der Sowjetunion entstandenen Spielfilme führten Iosselianis Filmsprache zu einem ersten Höhepunkt. 

 

 IKO SHASHVI MGALOBELI (Es war einmal eine Singdrossel, 1970) und   PASTORALI (1975) entsprachen noch weniger als die vorhergehenden Arbeiten einer konventionellen dramatischen Form. "Um dem freien Lauf des Lebensflusses mehr zu entsprechen" (O. I.), ähnelt die Form eher einer musikalischen Komposition. Themen überschneiden sich, variieren und sind nach den Gesetzen des Kontrapunktes organisiert. Verstärkt durch die bevorzugt verwendete Einstellung der Totalen und die wenigen Schnitte erhält man den Eindruck einer permanenten Zirkulation; alles fließt. Nachdem die sowjetischen Behörden PASTORALI jahrelang zurückhielten und Iosseliani keine Arbeitsmöglichkeiten mehr gaben, emigrierte er 1982 nach Frankreich – wo er sich mit anderen Problemen konfrontiert sah: "Im Westen musste ich einen neuen Typus von Zensur kennenlernen, der besonders schlimm ist: die Zensur des Publikums, das seit Generationen mit einem vorgegebenen Geschmack aufgewachsen ist."

 

Seither hat Otar Iosseliani ein Dutzend Filme gedreht, im Senegal, in Italien, in Frankreich und in Georgien. Er betrachtet sie ausnahmslos als georgische Filme, Filme, die von arm und reich, Stadt und Land, Traditionen, dem Verlust von Werten und dem Vergehen der Zeit erzählen. Sie sind melancholisch und heiter zugleich, denn "wenn die Dinge sehr ernst stehen, dann ist es schwer, ernst von ihnen zu sprechen" (O. I.). Fabeln, in denen gesungen, Wein getrunken und geraucht wird, denn, wie ein georgisches Sprichwort sagt: "Wer weder trinkt noch raucht, wird als sehr gesunder Mensch sterben."

Bei Grusja-Film wurde grundsätzlich in georgischer Sprache gedreht. Später wurden die Filme für andere Sowjetrepubliken russisch synchronisiert. Wie in der Planwirtschaft üblich, musste jährlich eine festgelegte Anzahl von Filmen fertiggestellt werden. Für Regisseure gab es viel zu tun. Bis in die 1970er Jahre hinein wurden sie am Staatlichen Filminstitut (WGIK) in Moskau ausgebildet. Seit 1972 gibt es eine Filmfakultät am Schota-Rustaweli-Theaterinstitut, dem späteren Staatlichen Georgischen Institut für Theater und Film in Tiflis.

 

Eldar Shengelaya wurde am 26. Januar 1933 geboren. Er absolvierte 1958 den Fachbereich Filmproduktion des Kinematographischen Instituts Moskau. Es ist unmöglich sich den georgischen Film ohne die glückliche Begegnung der berühmten „60er“ Persönlichkeiten Rezo Gabriadze und Eldar Shengelaya vorzustellen. Ihre fröhliche und gleichzeitig traurige Komödie mit intimen und familiären Bildern, Charakteren und Geschichten schafft einen unvergesslichen Eindruck und setzt symbolische Expressionen neben den satten Humor der georgischen Alltagssprache…

 

Rezo Gabriadze und Eldar Shengelaya kehrten, so wie andere in den „60er“, zu den vergessenen Wurzeln ihrer eigenen Kultur zurück, distinguierten und passten sie den modernen Ansichten an, relativierten die Relation zwischen ihren eigenen Auffassungen und denen der Anderen, zwischen den Ansichten die von der Ideologie legitimiert wurden und den Ansichten die wirklich existierten, zwischen Tradition und Innovation, Inaktivität und Leben. Sie formten ein expressives und lebhaftes Feld, reich an Beziehungen zu ihrem kontextuellen Bereich, die dem Film seine Perspektive und Tiefe verleiht. Bereits ein kleiner Einblick in dieses Feld zeigt den Sinn der spontanen formen der Idee und des ganzen Films. Im Rahmen des Films „ Eine ungewöhnliche Ausstellung“, gefüllt mit Illusionen, Ironischem Kontext und ernsten Geschehnissen bekommen die Dinge augenblicklich ein lustiges Aussehen und eine gegensinnige Bedeutung. Hier bedeutet die Gleichheit die Differenz, der verwerfliche Fakt in sich selbst. Das meint, das der Besucher der Ausstellung — Aguli’s „enttäuschter Klient“, trotz der vollkommenen Ähnlichkeit, seine eigene Schwiegermutter nicht in der angefertigten Skulptur  wiedererkennen kann. Trotz der realistischen Darstellung hat er Zweifel: ein ästhetisches Paradox — wenn „die Nase gleich aussieht, die Augen gleich aussehen, die Lippen, das Kinn gleich aussehen“ muss es eine scheinbare Ähnlichkeit geben, aber die gesamte Ähnlichkeit ist abwesend. 

 

In der „60er“ Realität war dies nicht nur ein Zeichen der Komik, es zeigte direkt auf die falsche Ähnlichkeit zwischen der sozialistischen Realität und der allgemeinen, vorgetäuschten Realität. Die unseriösen, anekdotischen Passagen, basierend auf dem Thema Schwiegermutter sind in Wirklichkeit begleitet von einer weit mehr seriösen Bedeutung: der Grad zwischen Ähnlichkeit und Unterschied, ihre Identität und nicht- Identität in einem Bild, daraus ergibt sich der eigentliche Code  des Films. 

„Eine ungewöhnliche Ausstellung“ 1968 Rezo Gabriadze/ Eldar Shengelaya 

Pirosmani  | 1969  | Regie: Georgij Šengelaja   |   Schauspieler: Aleksandr Rachviašvili, David Abašidze, Z. Kapianidze, A. Varazi, M. Gvaramadze  Musik: K. Kuchianidze  Kamera: Konstantin Aprjatin

Autor: Erlam Achvlediani, Šengelaja

Das Kino, aufgefasst entlang der Malerei des ­grusinischen Naiven Nikolos Aslanis dze Pirosmanišvili (1862-1918). Georgij Šengelaja realisierte keine klassische Filmbiografie über den Bauernsohn, Autodidakten, schließlich verarmt Krepierten, sondern entwickelte aus dessen Bildern heraus eine ganz eigene Art des kinematografischen Deutens und Zeigens der Welt. Die ­Logik der Handlung folgt denn auch weniger den überlieferten ­Formen und Rhythmen des narrativen Kinos: Pirosmani wirkt sprunghaft, verwinkelt, und manchmal regelrecht verloren in der Zeit - was sehr gut passt zu einem, der eigentlich immer nur die Ewigkeit fixieren wollte in seinen Werken, auch wenn er das vielleicht so nicht gesagt hätte. Wer den Motiv- und Farb- und Symmetrieketten folgt, wird seinen Weg durch dieses Seelenlabyrinth finden

1973  SHEREKILEBI (Sonderlinge, Eldar Shengelaia,   Diese romantische Komödie spielt an einem fiktiven Ort in einem fiktiven Land und erzählt die Geschichte einer Gesellschaft, in der Andersdenkende als Kriminelle eingesperrt oder als geistig verwirrt dargestellt werden. Weil man sie für eine Gefahr hält, werden sie von den "Normalen" isoliert. Mit bissigem Humor verbindet Regisseur Eldar Shengelaia politische Sozialkritik mit einer romantischen Liebesgeschichte. 

1984 Tienschan oder Blaue Berge oder Das Blaue vom Himmel (UdSSR/Georgien 1984)

Als wäre es die normalste Sache der Welt trägt der Nachwuchsliterat Sosso sein erstes Roman-Manuskript zur Begutachtung in einen Verlag. Er kennt die Kollegen, alle sind sehr aufgeschlossen als er an die wichtigsten Mitarbeiter jeweils eine Kopie verteilt. Jeder versichert ihm, den Text so bald als möglich zu lesen.

Der Titel „Blaue Berge oder eine unwahrscheinliche Geschichte“, sagt einem auf den ersten Blick nichts. Er sagt „unwahrscheinliche Geschichte“ und von Anfang an beweist der Film, dass der autor nichts unwahrscheinliches mitteilt. Im Gegenteil, alles was man sieht scheint glaubhaft. Der erste Teil des Titels „Blaue Berge“ scheint poetisch, schön und ästhetisch. In Wirklichkeit ist diese Expression banal und abgenutzt!…Hier, meine ich wird offenbart was der Film sagen möchte und was unsere Gedanken sind. Das gefährliche Etwas wird so natürlich und manifestiert sich selbst in so einer Weise, das es auf den ersten Blick gar nicht gefährlich erscheint. Oft scheint es als ob wir unsere „Freiheit“, die unbesorgte Existenz mögen, wir mögen es aber nicht in Grenzen gewiesen oder mit Klischees gleichgesetzt zu werden…in der Realität, ist es unglaublich das Menschen so inaktiv sind, ihre Seelen so unsterblich, wie es in diesem Film aufgezeigt wird. Der Prozess so getrennt und isoliert voneinander zu sein ist unglaublich, und macht uns seinerseits unachtsam und gleichgültig gegenüber dem Leben und Schicksal anderer Leute…  

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