G E S C H I C H T E   D E R   A R C H Ä O L O G I S C H E   F O R S C H U N G   | O. Dshaparidse / O.Lortkipanidse |  Ausstellungskatalog    "Unterwegs zum goldenen Vlies" 1995

Die archäologische Erforschung  Georgiens begann um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als Liebhaber, Heimatkunde und Naturwissenschaftler sich der Erkundung vorgeschichtlicher Fundstätten widmeten.

Eingehendere Untersuchungen führte Dimitri Megwinetuchuzesischwill (1815-1878), der erste georgische Archäologe, 1852 in der Höhlenstadt Uplisziche durch. In den siebziger Jahren folgten unter der Leitung des österreichischen Gelehrten F. Bayern Ausgrabungen im Gräberfeld von Samtawro, im Umfeld der antiken Hauptstadt Mzcheta. 

BILD Zwei Scheibenkopfnadeln |Bordshomi - Tal | 15-14 Jh. v. Ch. 


Das öffentliche Interesse an den vorgeschichtlichen Denkmälern erfuhr damals durch die Entdeckung des Kasbek-Schatzes, des Fundplatzes »Redkin-Lager« (Armenien) und des Gräberfeldes von Koban (Nord-Ossetien) erheblichen Auftrieb, so daß 1873 in Tbilissi eine »Gesellschaft der Freunde der kaukasischen Archäologie« gegründet wurde; ihre Mitglieder waren interessierte Laien, die dem gebildeten Bürgertum entstammten.

Neue Impulse gingen vom  Archäologischen Kongress aus, der 1881 in Tbilissi  tagte und die Archäologie Transkaukasiens weithin bekannt machte. In der Vorbereitungsphase für diesen Kongress durchgeführte Forschungsgrabungen und die — z. T kontroversen — Diskussionen der Tagungsteilnehmer, unter denen sich namhafte Archäologen aus Europa befanden, setzten für die kulturhistorische Interpretation der archäologischen Quellen Georgiens wesentliche Akzente. Allerdings haben manche der damals vertretenen Auffassungen, z.B. zur Entwicklung der ältesten Metallurgie, den Blickwinkel der Forschung über Jahrzehnte eher negativ beeinflußt.  Zu den Kuriosa der Forschungsgeschichte zählt, dass auch Heinrich Schliemann (Als erster Forscher führte er Ausgrabungen im kleinasiatischen Hisarlık durch und fand die von ihm und zuvor schon anderen Forschern hier vermuteten Ruinen des bronzezeitlichen Trojas.) in dieser Zeit einen Antrag auf Grabungs- genehmigung nach Tbilissi sandte. »Die engen Beziehungen zwischen dem antiken Griechenland und der Alten Kolchis« hatten in ihm das Interesse geschürt, Grabungen an der transkaukasischen Schwarzmeerküste durchzuführen. Eine Genehmigung für dieses Unternehmen blieb ihm jedoch versagt. 


1901 wurde in Tbilissi die »Kaukasische Abteilung der Moskauer Archäologischen Gesellschaft« gegründet, und wenig später nahm die »Archäologische Kommission Russlands « ihre Arbeit in Transkaukasien auf. Ein aktives Mitglied dieser Institution war  Ekwtime Takaishvili; mit seine Namen sind Grabungen in wichtigen Zentren des alten Georgien verbunden, in denen noch heute ausgegraben wird, so z.B. Mzcheta, Satschchere, Wani. 

Nachdem Georgien 1918 seine Unabhängigkeit wiedergewonnen hatte, wurden das Georgische Museum und die 1918 gegründete Universität Tbilisi zu Zentren der archäologischen Forschung.

Unter der Leitung von I. Dshawachischwili begannen  in Georgien die Universitätsausbildung von Wissenschaftlern und die Durchführung planmäßiger archäologischer Forschungen. 

BILD Zierscheibe | H. (ohne Ketten) 16,0 cm, B. 10,0 cm | Melaani (Kacheti) | 14.-13. Jhd. v.Chr. | Späte Bronzezeit Frühe Eisenzeit


Eine neue Etappe setzte 1936 mit der Gründung des »Niko-Marr-Instituts für Sprache,  Geschichte und Sachkultur« , zu dem seit 1938 auch eine Abteilung für Archäologie gehörte; aus dieser Organisation ging 1941 das Institut für Geschichte hervor, das 1964 in »Dschawachishvili-Istitut für Geschichte, Archeologie und Ethnographie der Georgischen  Akademie der Wissenschaften« 

umbenannt wurde.  Rasch wurde es zum wissenschaftlichen Mittelpunkt der georgischen Archäologie. Bekannte Forscher haben hier den akademischen Nachwuchs ausgebildet und die Feldforschungen vor angetrieben. 1977 gründete man auf der Grundlage dieses Instituts das »Zentrum für Archäologische Forschungen der Georgischen Akademie der Wissenschaften«, das seit 1991 unabhängige Institution tätig ist und das Einzige archäologische Institut ist, das Forschungsarbeiten in ganz Georgien durchführt. 


Daneben bestehen noch eine Reihe anderer Institutionen im Lande, die in kleinerem Umfang aktiv sind: das Staatliche Museum Georgiens („Simon-iDschanaschia-Museum"), das Staatliche Museum Georgiens für Kunst („Schalwa-Arniranaschwili Museum") die Staatliche Universität Georgiens zu Tbilissi („Iwane-Dschawbachischwiliumi Universität"), das „Berdsenischvili-Forschungsinstitut" in Batumi, das „Südossetische Institut für wissenschaftliche Forschungen", das „Gulia-Institut für Sprache, Literatur und Geschichte Abchasiens" sowie das „Archäologische Institut zu Mzcheta".  Eine bedeutende Rolle hat auch die 1938 gegründete Mzcheta-Expecidtion gespielt, die von I. Dshavvachischwill und S. Djanaschischia  geleitet wurde. Ihre Arbeit war überaus erfolgreich. Ebenso haben die Grabungen im Hochland von Trialeti, die  1936 bis 1940 unter der Leitung von B. A. Kuftin stattfanden, vor  allem für die  Chronologie der Bronzezeit wichtige Erkenntnisse  erbracht.


Archäologische Feldarbeiten haben in Georgien neben den frühesten Besiedlungsspuren im Paläolithikum Funde und Befunde aus fast allen kulturgeschichtlichen Epochen bis hin zum Spätmittelalter ergeben.  Von besonderer Bedeutung sind dabei die in Dmanisi entdeckten beiden Schädel und weitere Überreste des Homo erectus: Ihr Alter beträgt etwa 1,75 Millionen Jahren, die Funde gelten als die ältesten von Hominiden in Europa und Asien. Zusammen mit diesen Überresten wurden Steinwerkzeuge und Tierknochen ausgegraben. Bis zur Entdeckung der frühen Menschen von Dmanisi waren die Paläoanthropologen davon ausgegangen, dass unsere Vorfahren erst aus Afrika auswanderten, als sie bereits größere Gehirne entwickelt hatten. Seit ihrer Entdeckung suchen Wissenschaftler nach dem rechten Platz der Dmanisi-Menschen im Stammbaum. Dass sie der Gattung Homo angehörten und schon vor 1,8 Millionen Jahren in der Gegend lebten, bezweifelt niemand mehr; Steinwerkzeuge, die neben den Überresten gefunden wurden, und die Form ihrer Schädel sind der Beweis. Um welche Art es sich handelt, ist jedoch seit Jahren umstritten. 

Der mittelalterlichen Ruinenstadt Dmanisi wird seit 1991 als ein gemeinsames Forschungsvorhaben des Archäologischen Zentrums der Georgischen Akademie der Wissenschaften und des Forschungsbereiches Altsteinzeit des Römisch-Germanischen Zentral Museums untersucht (Dzaparidze et al. 1991). 

A R C H Ä O L O G I E   D E R   S T E I N Z E I T   |  nach Alexander Dschawachishwili, Tamas Kighuradse | Ausstellungskatalog "Unterwegs zum goldenen Vlies" 1995  

Die archäologischen Funde zeigen, daß die  Vorzüge der Natur schon früh die Besiedlung Georgiens durch den Menschen begünstigt haben. Altsleinzeitliche Siedlungen lagen sowohl an der Küste des Schwarzen Meeres wie im  ostgeorgischen Bergland.  

Bedingt durch die stark voneinander abweichenden Klimazonen verlief die Entwicklung der menschlichen Gemeinschaften seit der Altsteinzeit dergestalt, daß Westgeorgien die gesamte Steinzeit hindurch von  Menschen aufgesucht wurde, in Ostgeorgien dagegen kaum Spuren menschlichen Lebens aus der älteren Steinzeit nachzuweisen sind, und die Besiedlung hier erst mit dem Holozän, d.h. der Phase nach dem Abklingen der Eiszeit beginnt. Obwohl mittelsteinzeitliche Funde gleichermaßen für Ost— wie 

BILD 


Westgeorgien belegt sind, haben sich die erwähnten Klimaunterschiede auch auf die weitere zivilisatorische  Entwicklung ausgewirkt.  Die ältesten Wohnformen, die dem jagenden und sammelnden Menschen der Steinzeit Schutz vor den  Unbilden der Natur boten,waren Höhlen, von denen in den Bergen des Gwardschilasklde einige erhalten geblieben sind.  Erst mit dem Abklingen der Eiszeit und der damit  einhergehenden Erderwärmung wagte es der bei Ackerbau und Viehzucht seßhaft gewordene Mensch,  oberirdische Behausungen zu errichten. Reste solch früher Siedlungen sind zum Beispiel aus der sogenannten Schulaweri—Schomutepe-Kultur erhalten, die sich ab dem 6./5. Jahrtausend besonders südlich des Flusses Mtkwari entfaltete.  


Anlage und Bau der für diese Kultur typischen Siedlungen erfolgte nach Regeln, die enge Verbindungen auch zur Vorderasiatischen Welt Mesopotamiens, des Irak und Anatoliens aufweisen. Von Ausnahmen abgesehen handelt es sich um tholosartige, runde Bauten mit einem engen Eingang, die mit einer Kragkuppel abgedeckt sind; in dieser befand sich wohl  eine Rauchabzugsöffnung. Ein Bau diente zum Wohnen, die anderen als Wirtschaftsräume. Die Wohnbauten messen 3,0 - 4,5 m im Durchmesser, die Wirtschaftsbauten sind deutlich kleiner. Die Höhe der Räume betrug, nach dem Neigungswinkel der Wände zu schließen, ca. 2,5 m. Die zu beiden Seiten mit Lehm verschmierten Wände sind aus gebogenen Rohziegeln mit einem Zusatz von Stroh und Lehmbrei errichtet, der Boden besteht aus gelblich-rötlichem, gestampftem Lehm. Gebäude dieses Typs, bei dem mitunter durch eingestellte Mittelstützen größere lnnenräume entstanden, oder das schon differenziertere Rechteckhaus mit offener Vorhalle, 

BILD Reste von Rundbauten mit Wänden aus Lehmziegeln | Schulaweri - Kultur,  6.-5.  Jt.  v.Ch. 


fanden sich unter anderem in Chramis Didi Gora, ausgegraben von 1972 bis 1987, und besonders in der  Siedlung Sehulaweris Gora, freigelegt 1965-70, der  die Sehulaweri-Kultur ihren Namen verdankt.  Aufgrund der durch Baumaterial und Konstruktion  bedingten geringen Abmessungen der Wohnbauten  war es für das Siedeln einer Sippe unabdingbar, einen ganzen Komplex derartiger Häuser zu errichten.  Typische Wohnkomplexe bestehen aus drei bis vier Kuppelbauten, die um einen runden Hof angeordnet  sind.

Wegen der zum Teil langen Besiedlungsdauer einzelner Orte kam es zu Überbauungen älterer Anwesen, was im Laufe der Geschichte - für Sehulaweris Gora wurde eine Besiedlungszeit von ca. 700 Jahren  ermittelt - zu einer Abfolge mehrerer Kulturschichten und zum Anwachsen künstlicher Hügel von bis zu sechs Meter Höhe führte. Das georgische Wort  “Gora” bezeichnet einen solchen Hügel. Das reichlich gefundene Material dieser frühesten  Siedlungen auf georgischem Boden besteht vor allem aus Obsidian, einem dunklen, unterschiedlich gefärbten Gestein vulkanischen Ursprungs sowie roter und brauner Keramik mit eingeritzten, aufgemalten und reliefierten Verzierungen.  Die Formen sind archaisch und einfach, aber sehr  ausdrucksvoll. Besonders vielseitig und hochentwickelt war die Knochen— und Geweih Industrie, die sorgfältig bearbeitete, oft mit reliefierten oder eingeschnittenen Ornamenten dekorierte Geräte hervorbrachte. In allen Siedlungen der Sehulaweri-Kultur, besonders in Chramis Didi Gora, wurden menschliche Figuren aus Ton gefunden, die meist weibliche Geschlechtsmerkmale aufweisen. 

F E Ü H E   B R O N Z E Z E I T   |   D I E  K U R A - A R A X E S   K U L T U R  | nach O. Dshaparidse, A.Dshawachischwili | Ausstellungskatalog    "Unterwegs zum goldenen Vlies" 1995

Ab der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v.Chr.  dominiert im zentralen und Östlichen Transkaukasus sowie weiten Teilen Vorderasiens die frühbronzezeitliche Kura-Araxes-Kultur für über tausend  Jahre die Entwicklung. Die ältesten Zentren dieser in einem einzigen mächtigen Stammesverband organisierten Zivilisation liegen in Südgeorgien, besonders in Kwemo Kartli und benachbarten Gebieten.  Die Grundlage des patriarchalisch organisierten Zusammenlebens und erhöhten Lebensstandards bildeten sowohl der Einsatz von Tieren im Ackerbau und Transportwesen (neben Wagenmodellen aus Ton wurden Reste vierrädriger Holzwagen in Gräbern des  ausklingenden.

BILD Reste von Rundbauten mit Wänden aus Lehmziegeln | Schulaweri - Kultur,  6.-5.  Jt.  v.Ch.  


3. Jahrtausends gefunden) als auch der technische Fortschritt in Architektur und Herstellung von Geräten, Werkzeugen und Gütern des alltäglichen Gebrauchs. Wie schon in der älteren Schulaweri-Kultur dominieren in der Architektur der oft von starken Mauern oder Gräben umgebenen Siedlungen zunächst Rundbauten, später gefolgt von Häusern mit komplizierteren Grundrissen und anspruchsvollerer Bautechnik. lm Zentrum des 1955-65 freigelegten Ortes Amiranis Gera (Mes’cheti), dessen Anfänge in das frühe 3. Jahrtausend datieren, entdeckte man 22 Gebäude und ca. 60 Gräber. Die hinteren Teile der einräurnigen, rechteckigen Häuser waren in einen Hang hineingebaut, so daß sie halb unter der Erde lagen. Die flachen Holzdächer der unteren Hauszeile dienten so als Höfe fiir die Häuser der niichsthöheren Hangterrasse.

Obwohl die florierende Keramik noch ohne Töpferscheibe hergestellt wird und gewisse Ähnlichkeiten mit älteren Tongefäßen aufweist, steht sie qualitativ auf einem höheren Niveau. Die elegant geformten Produkte zeichnen sich durch einen weiten Hals, einen scharfen Schulterumbruch und schwarz-oder rotpolierte Oberflächen aus. Anfangs bilden Reliefornamente, meist in Form von Spiralen, die charakteristische Verzierung (Abb. S.16/17). Die einheitliche Keramik ist über ein weites Gebiet verbreitet und gilt als ein wesentliches Merkmal der frühen Kura—Araxes-Kultur.

Weitere Kriterien für die Blütezeit dieser frühbronzezeitlichen Gesellschaft sind die Metallurgie (Hüttenkunde) und die Bearbeitung von Metall. die gegen Ende der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends ein hohes Niveau erreichten. In Amiranis Gora wurde eine kleine Metallwerkstatt mit einem steinernen, runden Ofen und einem Topf voll gemahlener Holzkohle entdeckt, mit deren Hilfe man eine besonders hohe Brenntemperatur erzielen konnte. Die Verwendung von Metallwerkzeugen hatte enorme wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen: die Arbeitsproduktivität stieg und der Gebrauch von Metallwaffen erhöhte die Kampfkraft der Stämme. Die Fortschritte in der Metallverarbeitung basierten nicht nur auf dem Vorhandensein der notwendigen Rohstoffe und dem technischem Vermögen. sondern auch auf den Kontakten zum Vorderen Orient. wie formale und typologische Entsprechungen an Waffen und Schmuckobjekten der Kurz:-Araxes-Kultur belegen. Daneben gibt es aber auch einheimische Formen von Metallgeräten: Flachbeile, Dolchklingen. verschiedene Nadelformen. Anhänger, etc.  Nicht zuletzt war es der handwerklich und kunsttechnisch hohe Stand der georgischen Metallverarbeitung, der die Erzählungen von dem sagenhaften Reichtum und der Schönheit der Gold- und Schmuckgegenstände dieser Region begründete, die im Laufe der Zeit immer wieder Abenteurer und Eroberer wie Jason und die Argonauten anzogen. Wichtige Kenntnisse über den Entwicklungsstand eines Volkes lassen sich aus dem Studium der Friedhöfe gewinnen, in der Archäologie Nekropolen genannt.   | BILD Axt Bronze L. 15,5 cm,  B.4,5 cm Satchchere / ImereTi  2. Hälfte 3. Jt. v. Chr. 


Die Bestattungsplätze spiegeln nicht nur die religiösen, sondern auch die sozialen Veränderungen in der Gesellschaft wider. In der Kura-Araxes-Kultur wurden die Toten außerhalb der Wohnsiedlung bestattet, lediglich bei Säuglingen ist eine Abweichung zu beobachten: In Amiranis Gora fand man zwischen einigen Gebäuden sowie unter den Fußböden mehrerer Häuser Gräber von Kleinkindern. In den Nekropolen entdeckte man sowohl Hügelgräber mit Kollektivbeisetzungen als auch Einzelbestattungen in Form von Erd- oder Steiskintengräbern. Die eher dürftigen Grabbeigaben reduzieren sich in der Regel auf einzelne Gefäße, selten sind Metallwaffen und -schmuck oder Steinperlen.

Gegen Ende des 3. Jahrtausends verfällt die Kura-Araxes-Kultur, die Mehrzahl der Siedlungen wird aufgegeben. Die genaue Ursache für diesen Niedergang ist unklar, sicher scheint aber. daß der Raubbau an der Natur ein zentraler Grund war. Raumgreifende Tendenzen der Agrarwirtschaft, Intensivierung der Viehhaltung, besonders der Schafzucht, und hoher Brennstoffbedarf für die Metallverhüttung waren die Faktoren, die zu großflächigen Waldzerstörungen führten und letztlich das Klima negativ beeinflußten. Ausbleibende Niederschläge verschlechterten die Lebensbedingungen so grundlegend, daß es zu einem drastischen Bevölkerungsrückgang im Tiefland kam. Die Menschen sahen sich gezwungen, günstigere Regionen aufzusuchen und erschlossen verstärkt die Gebirgszonen. Der Untergang dieser hohen Kultur war damit besiegelt.

Z E I T   D  E R   F R Ü H E N    K U R G A N E  |  nach O. Dshaparidse  |  Ausstellungskatalog "Unterwegs zum goldenen Vlies" 1995  

In der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v.Chr. entsteht in Ostgeorgien und benachbarten Gebieten die Kultur der Frühen Kurgane, die zwar keinen Bruch mit der älteren Kura—Araxes—Kultur darstellt, aber doch eine Reihe von Zügen aufweist, die auf eine erhebliche Umgestaltung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse schließen

lassen. Die Entwicklungsstufe dieser Gesellschaft wird weniger durch Siedlungen als nahezu ausschließlich durch Hügelgrabstätten (Kurgane) repräsentiert. Erstmals werden jetzt Einzelbestattungen in Form von Hügelgräbern angelegt, die mitunter enorme Ausmaße erreichen. Unter gewaltigen Steinpackungen und/oder

BILD Kultgefäs Gebrannter Ton H.12,5 cm, Rdm. 17-18 cm Berikldeebi (Shida Kartli ) Bedeni-Kultur, 2 Häfte 3. Jt. v Chr. 


Erdaufschüttungen finden sich rechteckige, aus Holzbalken oder Steinen errichtete Grabkammern. Neben der Ausstattung der Gräber mit wertvollen Gütern, so daß es den Verstorbenen im jenseitigen Leben an nichts mangele, zeugt die Form des Ahnenkults der wohlhabenden Führungsschicht nicht zuletzt auch von dem Interesse an der Sicherung des Eigentums.

Anhand der Bestattungssitten und des archäologischen Materials werden die Frühen Kurgane in zwei Gruppen geschieden:

Charakteristisch für die ältere Stufe, nach einem Fundort als Martqopi-Gruppe bezeichnet, sind mächtige Grabhügel, deren größter, der sog. Grakliantgora (Kurgan IV, Martqopi), einen Durchmesser von 100 Metern und eine Höhe von 12 Metern hat.

Die Keramik dieser Kurgane zeigt große, bauchige, bikonische Gefäße mit kurzem Hals oder große Krüge; die vorwiegend schwarzpolierten Oberflächen sind reich verziert, meist mit feinen Ritzmustern. Reliefschmuck ist seltener, ab und an tauchen Knubben als Dekoration auf. Die reichlich entdeckten Metallwaffen, —geräte und Schmuckstücke, in der Regel aus Bronze, zeichnen sich durch eigenständige Formen aus. Neu sind Perlen, Ringe und Spiralen, gelegentlich aus Silber und Gold, sowie Karneol- (rot gefärbter, quarzähnlicher Chalzedon) und Fritteperlen, Perlmuttfigürchen 

zum Aufnähen und Anhänger aus Tierzähnen. Unter den Waffen sind neben einer Dolchklinge aus Silber und bislang Völlig isoliert stehenden Pfeilspitzen mit pyramidalem Kopf die elegant geformten Bronzeäxte besonders erwähnenswert. Zahlreicher vertreten als die Martqopi-Gruppe ist die ebenfalls nach einem Fundort benannte jüngere Bedeni-Gruppe (ca. 2500-2250 v.Chr.). Im Unterschied zu den älteren Kurganen sind die Grabhügel dieser Gruppe in der Regel von geringeren Ausmaßen und die Verstorbenen wurden entweder auf hölzernen, Vierrädrigen Wagen oder auf einer Bahre liegend beigesetzt. In der Grabkammer von Kurgan  fanden sich drei

BILD Bikonisches Gefäsß Gebrannter Ton H.29,5 cm Rdm. 19.0 cm | Martqapi (kacheti) 2500 - 2300 v. Chr.  


Skelette: Ein Toter, wohl die wichtigste der Personen, ruhte in einem mit Reliefomamenten geschmückten Holzsarg im Zentrum der Kammer; der Sarg lag auf einer Bahre, die wieder um auf einem Wagen stand. Bei den beiden anderen Skeletten, ein Mann und eine Frau, handelt es sich vermutlich um Gefolge, das getötet wurde, um den verstorbenen Fürsten in das Totenreieh zu begleiten und ihm dort zu dienen.

Die Keramik ist meist dünnwandig, schwarz und so poliert, daß die Oberfläche mitunter metallisch glänzt. Es überwiegen kleine Gefäße: Kannen mit zylindrischem Hals, tiefe Schüsseln und Krüge. Auf Keramik und Holzgefäßen bilden eingeritzte geometrische Muster den häufigsten Dekor; daneben kommen Kannelierungen und Knubbelverzierungen vor.

Unter den Metallobjekten der Bedeni-Kultur sind insbesondere die Äxte mit schrägstehender Tülle (Schaftloch) und breiterer Schneide zu erwähnen. Pfeilspitzen werden aus Obsidian, Silex (ein dem Jaspis ähnliches Gestein) oder Knochen hergestellt.

Die Verarbeitung von Edelmetallen erreicht höchstes handwerkliches und künstlerisches Niveau. Die Herstellung von goldenen und silbernen Nadeln mit Doppelvolutenkopf, Spiralringen, Perlen und feinen Goldplättchen in kompliziertesten Techniken setzt zur Zeit der Bedeni—Kultur stellen die sogenannten Dolmen dar. Hier wurden die Toten in aus großen

Steinplatten errichteten “Totenhäusern” beigesetzt. Die Sitte der Dolmenbestattung lebt in Abchasien bis in die mittlere Bronzezeit fort.

M I T T L E R  E    B R O N Z E Z E I T  | nach O. Dshaparidse | Ausstellungskatalog    "Unterwegs zum goldenen Vlies" 1995

 


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