» Obgleich wir erst gegen Mitternacht in Tiflis ankommen, so herrscht doch noch ein geräuschvolles Leben auf seinen Straßen, denn Tiflis schläft fast nie, es sei denn zur Mittagsstunde wenn die Sonne ihre brennend heißen Strahlen auf seine Straßen herniedersendet und die Bewohner in Ihren Häusern gefangen hält.

 

Ja, die Sonne ist hier um die Mittagszeit wie ein Gefängniswärter, der streng die Ausgänge aller Häuser bewacht. Um diese Tageszeit erstirbt  alles Leben auf den Straßen, die Fenster werden geschlossen und mit dichten Vorhängen verhangen, die  Galerien und Balkone sind menschenleer, Pferde, Esel und  Büffel ruhen irgendwo im Schatten, auf  dem Bazar stockt  aller Verkehr und die Kaufleute hocken halb verschlafen tief im Innern ihrer Läden.

 

Gegen sechs  Uhr abends,  wenn sich schon die Sonne dem Horizonte zuneigt, erwacht das Leben von neuem. Die Fenstervorhänge verschwenden, ihre Flügel werden

geöffnet, die Galerien beleben sich, auf den Straßen zeigen sich Menschen und Tiere und eine lange Wagenreihe zieht hinaus nach Muschtaid oder anderen Vergnügungsgärten.

 

Von dieser Stunde an währt das rege Treiben fast bis zum Morgen und von der Straße her erschallt ein ununterbrochenes Wagengerassel, aus den Gärten tönt Musik

und Gesang. Die Georgier lieben nämlich das Vergnügen und halten gern lange dabei aus, so dass während der Sommernächte in vielen Häusern und Gärten die Lichter

nicht erlöschen. In einer solchen Nacht lohnt es der Mühe, einen der die Stadt umgebenden Berge zu besteigen und von dort auf das in einem Lichtmeere schwimmende  Häuserlabyrinth niederzuschauen. « 


Deutsche Schriftsteller und Journalist Arthur Leist lebte in Georgien übersetzte klassische Literatur und war Chefredakteur der Wochenzeitung Kaukasische Post. 

1881 auf seine Reise nach Italien traf Arthur Leist deutsche Schriftsteller Friedrich Bodenstedt (1819

1892), der seit 1843 als Gymnasiallehrer in Tbilisi unterrichtete. Und großer Verehrer des georgischen Volkes und seiner Geschichte war. Seine eindrucke dieser Zeit hat er später in das Buch »Die Völker des Kaukasus und ihre Freiheitskämpfe gegen die Russen« schrieb.

Auf Rat der Bodenstedt Entschied Artur Leist georgisch zu lernen, und reiste 1884 erste mal auf Einladung von Ilia Tschawtschawadse nach Georgien, nach diesem Besuch folgte der Buchdruck in Leipzig „Georgien, Natur, Sitten und Bräuche und Bevölkerung“. 

1885 reiste er ein zweites Mal. Nach seiner dritten Georgienreise 1892 blieb er für immer dort.

Arthur Leist ist vor allem als Übersetzter bekannt. Er hat „Der Mann im Tigerfell“ von Schota Rustaveli sowie Werke vieler georgischen Dichter ins Deutsche übersetzt.



https://archive.org/details/RustaweliSchotaDerMannImTigerfellebersVArthurLeist1889  Schota Rustaweli 

 

https://literaturkritik.de/id/22409

 

http://www.nibelungenlied-gesellschaft.de/03_beitrag/gast/nlg16_schoeffl.html